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Interview bei "Zwischenstopp bei Steinbrecher"  
(B...Senta Berger; S...Michael Steinbrecher)

B: Hallo…
S: Hallo.
B: …Michael.
S: Herzlich willkommen.

S: Sie ist Premieren gewohnt, seit vielen Jahren steht sie vor der Kamera, ein Star ohne  Skandale. Sie ist nach aktuellen Umfragen ein großes Vorbild für Deutschlands Frauen und der erste Gast im Zwischenstopp.
Sie kommt aus Stockholm, fliegt weiter nach München. Herzlich willkommen im Zwischenstopp...
B: Danke.
S: ...Senta Berger.
B: Danke.
S: Wie vorbildlich empfinden Sie Ihr Leben?
B: Oh, das kann ich unter diesem Wort gar nicht einordnen. Das wäre ja auch ganz dumm von mir. Vorbildlich kann gar kein Leben sein - für einen selbst. Vielleicht werden andere Leute ermutigt durch kleine Begebenheiten, die bekannt geworden sind, oder die in der Öffentlichkeit sich eben so darstellen. Aber ... ich versuche anständig durchs Leben zu kommen. Das ist schon schwer genug.
S: Sie haben in der Tat 40 Jahre Öffentlichkeit schon hinter sich, Sie haben angefangen...
B: Ist das wahr?
S: ...ja, 1957, 1957 Ihren ersten Film gemacht.
B: Das stimmt, ja.
S: Es ging weiter dann, Sie wurden von Arthur Brauner nach Berlin geholt...
B: Ja.
S: ...haben dort Karriere gemacht gleich: „Es muss nicht immer Kaviar sein“, O.W. Fischer, dann ging's in die USA, ´63, für fünf Jahre; Ihre Filmpartner: Lex Barker, wer noch?
B: Ach na ja, nein.
S: Yul Brynner, viele andere.
B: Ja; ich habe 2, 3 sehr schöne Filme gemacht in Amerika. Einer, der sehr erfolgreich war mit Kirk Douglas, ein anderer, da spielte auch Yul Brynner mit, vielleicht meinen Sie auch den, und dann hab ich mit Dean Martin gearbeitet und mit Charlton Heston gearbeitet, mit Robert Wagner gearbeitet, das war so diese Zeit der 60-er Jahre, wo eben ausländische Schauspielerinnen durchaus ihren Platz gehabt haben im amerikanischen Kino.
S: Es ging weiter hier in Deutschland mit Theater, es ging weiter hier in Deutschland mit Filmen mit Schrillendorf und Wim Wenders. Dann „Die schnelle Gerdi“, „Kir Royal“ ´86, also Sie haben ein Werk, das man gar nicht zusammenfassen kann, das wir auch heute hier nicht abdecken...
B: Es geht auch nicht zusammen, es sind so verschiedene Dinge, es ist...
S: Genau; aber was bleibt sind 40 Jahre Öffentlichkeit und 40 Jahre dieses Gesicht.
B: Na, also mancher Politiker steht 40 Jahre in der Öffentlichkeit, und da wundert man sich nicht so sehr. Also ich hab wirklich mit 16 Jahren angefangen, und das Publikum hier in Deutschland kennt mich so lange, und vielleicht ist da ein Stückchen Vertrauen gewachsen, das könnte sein (lacht). Ich sag's noch mal: mit dem Vertrauen wächst mir natürlich auch ein Stück Verantwortung zu, und deshalb mache ich mir vielleicht auch die Situation nicht so bewusst, ich möchte lieber ... für mich arbeiten und für mich entscheiden, ohne zu spüren, man erwartet etwas Besonderes von mir.
S: Schauen wir uns noch einmal die Gesichter an aus 40 Jahren, mehr als 40 Jahren, Senta Berger
B: (lacht)

[ Film ab]

S: Wenn Sie diese Bilder von g'rade sehen, dann fällt vielen auf, dass Sie einfach einen natürlichen Ausdruck bewahrt haben, einfach ´ne Schönheit bewahrt haben, ´ne Identität bewahrt haben, ´ne Erotik bewahrt haben, die früher nicht selbstverständlich war für Frauen über 50, und deshalb gelten Sie auch zusammen mit anderen als die Frauen, die einfach für eine neue Generation stehen. Wie erotisch empfinden Sie sich selbst?
B: (lacht) Also, über meine Erotik dürfen nur Sie reden, ich nicht.
S: Nein?
B: Nein, ich kenne mich ja auch gar nicht so, und...
S: Haben Sie nicht selbst ein Körpergefühl?
B: Oja, doch. Aber es geht ja darum, dass man etwas ausstrahlt, dafür kann man nichts, und darüber muss man auch gar kein Wort verlieren, und für das, was man sich wünscht und ersehnt, und da stimmt das Gleichgewicht noch. Aber ich denke, dass Frauen in meinem Alter heute eben ein gesellschaftliches Bild der Frau im Fernsehen und in den Filmen zeigen, in der Kunst zeigen, im Theater zeigen, und dieses gesellschaftliche Bild hat sich verändert. Die Frau von 30, wie es noch im 19. Jhdt. Der Fall war, wurde als reife Frau damals bezeichnet, und dann in den 60-er Jahren war's eben die 40, 50-jährige Frau, und heute hat sich diese Zeitgrenze wieder einmal verschoben.
S: Aber, wenn Sie die 30-er Generation ansprechen...
B: Ja.
S: ...ich bin jetzt 34, zum Beispiel...
B: Ja.
S: ...und ich merke bei mir, muss ich sagen, hier oben (greift sich an den Kopf) bekomm ich graue Haare, ein paar sind's. Manchmal denk' ich -oder meistens denk' ich- :“Ach, da kommen halt graue Haare“, manchmal denk ich aber auch:“ Na, ob mir das so recht ist?“ Wie selbstverständlich gehen Sie mit körperlichen Veränderungen um?
B: (lacht) Ach Gott, ich lass es zu. Es bleibt mir ja auch nichts anderes übrig. Ich glaube, dass...
S: Ist das so einfach?
B: Nein, nicht immer. Nein, das ist nicht immer einfach, natürlich nicht, und es gibt -weil Sie sagen, einen Tag stört es Sie und einen Tag stört es Sie weniger-, man ist ja natürlich auch Stimmungen unterworfen, und es fällt einem leichter, muss ich ehrlich sagen, wenn man älter wird, wenn das mit jemandem zusammen geschieht, der einen liebt und der einen sieht, und der einen sehen möchte, und der Dir nach wie vor immer begegnen möchte, da fällt's ein bisschen leichter. Aber es fällt schwer, besonders in diesem Beruf, weil man ja immer konfrontiert ist mit der früheren Senta, mit den früheren Fotos, mit den früheren Filmen.
S: Ärgert Sie das?
B: Nein, es ärgert mich nicht, es ärgert mich nicht. Ich mein', ich hab keine Alternative, wenn ich  ´ne Alternative hätte, würd' ich mich furchtbar ärgern, aber ich hab keine Alternative, es lohnt nicht.
S: Ich schau in den Spiegel und seh' mein Gesicht, das darf doch nicht wahr sein, das bin doch nicht ich...
B: Mhm.
S: ...ich fühl mich so ..., ich fühl mich so mies...
B: Ja, ein süßer Text! Klar!
S: ...ich fühl mich alt, fühl mich leer, die anderen,... alle tun irgendwas, nur ich tu nichts mehr...
B: Ja, mhm.
S: ...das ist ein Lied von Ihnen.
B: Das ist ein Liedertext von der Elke, uns beiden nachempfunden.
S: Und Sie haben's interpretiert.
B: Ja.
S: Wie intensiv empfinden Sie auch diese Momente, die man natürlich nicht miterlebt?
B: Ja, doch, ich bin natürlich ein Stimmungsmensch, vielleicht gehört das auch ein bisschen zu meinem Beruf. Also, ich kann in tiefe melancholische Krisen fallen, und hab dann irgendwie das Glück, vielleicht angelegt durch geerbte Eigenschaften, mich da selber wieder an meinen eigenen Haaren herauszuziehen.
S: Ohne Hilfe?
B: Mit Hilfe ist's leichter, aber ich denke ja, dass Du lernen musst -als erwachsener Mensch- auch einsam zu sein. Immer wieder bist Du auch alleine und bist auch einsam. Und kannst auch mit den anderen Deine ... Deine Melancholie, Deine Depression -sollte es eine solche sein, das gibt es sicherlich auch- nicht teilen. Ich tue das nicht aus Rücksichtnahme -auch vielleicht- aber ich tue es hauptsächlich deshalb, weil das nicht mitteilbar ist. Und wenn man sich dazu entschließt, über sein Unglücklichsein zu sprechen, dann liegt der wahrhaftige Trost darin, dass Dir jemand zuhört. Aber niemand kann Dir eigentlich diese Last abnehmen, man kann sie nur halbieren.
S: Sie habe gesagt, man muss lernen, einsam zu sein. Nun sind wir hier am Frankfurter Flughafen, der steht für so vieles...
B: Ja.
S: ...steht für Hektik und für Mobilität, und für technischen Fortschritt, der steht aber auch für Aufbruch, für Neugier, für Urlaub, für Fernweh,...
B: Ja.
S: Stellen Sie sich einmal vor -und wir haben ja gerade schon Flieger gesehen-, Sie könnten jetzt ausbrechen, in die Einsamkeit ausbrechen, vielleicht auf ´ne Insel, und müssten sich überlegen, was Sie mitnehmen. Dort drüben haben wir einige Gegenstände...
B: (lacht)
S: Kommen Sie mal mit!
(gehen beide ins andere Zimmer)
B: Gut, ´n Gummiball.
S: Nein. Unter anderem, aber...
B: Schwimmflossen, ´nen Schnorchel.
S: Aber... Sie haben in der Tat recht, all diese Gegenstände sind auch dabei...
B: Aber es ist ´ne Insel, ja?
S: Aber eben nicht nur eine Insel.
B: Aber Menschen darf ich nicht mitnehmen?
S: Leider nein. Sie haben Zeit ... Wir haben von Einsamkeit geredet...
B: Menschen nicht, gut. Ich verstehe.
S: Aber wir haben hier auch ein Schachspiel, wir haben aber in der Tat hier die Schwimmflossen und das, was Sie angesprochen haben, und auch vieles andere. Ich laß' Sie einfach mal alleine, nehmen Sie sich Zeit...
B: (lacht)
S: ...und überlegen Sie, was würden Sie mitnehmen.
B: Ja, also gut. Schön.

[S. Berger beim Packen; sie kommt nach kurzer Zeit mit Koffer, Teddybär und Spielzeugschiff wieder]

B: Ich bin fertig für die Insel!
S: Ja, wunderbar.
B: Ja, es war ganz leicht.
S: Da seh' ich ja schon, manche Sachen haben wirklich nicht mehr in den Koffer gepasst.
B: Also, ich habe mich entschlossen, ich fang mit den Büchern an, weil das ist ein ganz wichtiger Teil meines Lebens und ich habe mir oft früher, als ich nicht so viel Zeit hatte für mich selbst, gewünscht, ich möge wegen eines klitzekleinen Vergehens 5 Tage eingesperrt werden in einer Einzelzelle, damit ich mal alle Bücher lesen kann, die ich möchte.
S: (lacht)
B: Ich habe auch sehr schöne Bücher gefunden, die ich zum Teil auch schon kenne...
S: Ja.
B: ...die man aber immer wieder lesen kann.
S: Viktor Klemperer, haben Sie das gelesen?
B: Klemperer, ja ... die eben diese Zeit und das Leben eines interessanten Zeitgenossen beschreiben. Das (Anm.: Sagen des klassischen Altertums) kann ich auch immer lesen, da sind alle Geschichten enthalten, die man überhaupt kennt und braucht.
S: Da steckt ein kleines Leben drin.
B: Ja, da steckt schon mehr drin, da ist Haß und Macht und Liebe, Eifersucht, da ist alles drin, und außerdem ist es von Gustav Schwab bearbeitet, und das war meine Schullektüre. Also das ist ganz wichtig, ja.
S: Aber selbst wenn Sie dieses Schiffchen dabeihätten...
B: Das Schiffchen, nein, Moment einmal, also das ist der Teddy, mit dem kann man kuscheln, wenn man keinen Menschen mitnehmen darf, man darf seinen Kopf auf seinen Bauch legen, und dann hat man schöne Gedanken, obwohl er eigentlich ein ziemlich brutaler Teddy ist, aber, gut, ich habe Teddies immer geliebt, und er wird schon bald so schäbig sein, dass ich ihn auch lieben kann. Und das ist das schiff mit dem ich von der Insel abhaue, wenn ich nicht mehr mag.
S: Ein bisschen klein, aber prinzipiell ganz gut.
B: Ich schaffe es; gut, schön.
S: Wie schwer fällt Ihnen eigentlich die Vorstellung, so allein zu sein? Sie haben gesagt, einsam sein muss man lernen. Wie schwer fällt Ihnen das?
B: Ich war eigentlich nie wirklich alleine in meinem Leben, weil ich lebe ja schon sehr lange mit meinem Mann zusammen, und ich war immer umgeben von Freunden und von meiner Familie, sodass ich nie wirklich alleine war. Trotzdem kann man eben innerhalb einer Familie, innerhalb von Freunden, sich plötzlich sehr, sehr einsam fühlen. Das geht jedem erwachsenen Menschen so, ich meine, wir sind jetzt hier am Flughafen, und wir haben gesagt, das ist eine interessante Atmosphäre, das ist immer Abschied und Aufbruch. Und ich empfinde das eben nicht nur am Flughafen, ich finde, jeder Tag ist ein Abschied und ein Neuanfang. Und manches Mal überwiegt eben die eine Situation, oder der eine Gedanke, und dann fühl ich mich sehr einsam.
S: Ziehen Sie am Ende des Tages Bilanz?
B: Selten; ich bin keine Tagebuchschreiberin, wenn Sie das meinen.
S: Ne, aber vielleicht im Kopf mal...   
B: Ja, doch, aber nicht unbedingt am Ende des Tages, sonst kann ich nicht einschlafen (lacht). Aber wenn ich mal ´ne ruhige Minute irgendwo habe schon, ja. Also ich beschäftige mich nicht so sehr mit mir, ich kann mir auch gar nicht denken, dass es andere Leute tun. Sie fragen mich jetzt so gezielt, dass ich das Gefühl habe, ich versäume etwas, wenn ich es nicht tue. Vielleicht bin ich nur feig, vielleicht geh ich einem Dialog mit mir aus dem Weg und das sollte ich gar nicht tun. Aber ich werde mir schon klar über ... „wo stehe ich“, ja, mhm.
S: Ich muss sagen, jeder macht sich ein Bild von einer Person, was relativ oberflächlich sein kann, weil ich Sie ja nicht kennengelernt hab; und immer, wenn ich Ihre Filme seh', find ich, Sie sind so authentisch in den Rollen. Also das ist jetzt nicht, ich spiel jetzt nicht den Kritiker, ich sag einfach mein persönliches Empfinden ... authentisch, natürlich, direkt, ich seh Sie richtig, wie Sie diese Rolle verkörpern. Wenn ich Sie allerdings in Talkshows sehe, oder auch in Portraits, da sind Sie auch charmant und persönlich, aber ich hab eigentlich mehr als in den Filmen das Gefühl der Unnahbarkeit, oder das Gefühl, dass da ´ne Reserve da ist.
B: Ja, das ist wahr.
S: Warum?
B: Ja, vielleicht, weil ich zu sehr auf der Hut bin, in einem Gespräch mit jemandem, der mir zwar sympathisch ist, wie Sie das sind, und den ich auch schon kenne vom Fernsehen her - aber ich kenne Sie nicht wirklich. Und es fällt mir sehr schwer, mich da ganz aufrichtig zu öffnen. Und darum weiche ich lieber aus in kleine Mätzchen und Scherzchen, das stimmt schon.
S: Das wollen wir nicht!
B: (lacht) Ja, aber was soll man machen, das geht nicht so schnell. Ich meine, das ist so eine Art von Kontakt herstellen, der einigermaßen gut funktioniert, und den ich gelernt habe. Aber wirklich mein Herz aufmachen...
S: Wem gegenüber machen Sie das auf?
B: Ja, die müssen mich schon sehr lange und sehr gut kennen.
S: Mhm, Ihrem Mann, der Familie...
B: Ich find das auch aufdringlich, sein Herz aufzumachen in einer Talkshow.
S: Ne, das ... ich mein jetzt auch gar nicht mal mich selbst, aber...
B: Es ist ja auch keine Talkshow.
S: ...aber die Öffentlichkeit erfährt über Ihre Sorgen, über Ihre Zweifel, über Ihre Depressionen nichts, und Sie haben ja auch schon öfter gesagt, dass Sie das auch nicht in die Öffentlichkeit stülpen möchten.
B: Das find ich auch richtig.
S: Das ist richtig. Vielleicht -und das akzeptieren wir ja auch, und ich möchte nicht in Bereiche eindringen, die mich nichts angehen, und die die Öffentlichkeit auch nichts angehen...
B: Es ist gar nicht s dramatisch...
S: Genau, deshalb lassen wir das.
B: ...es ist einfach mein privates Leben.
S: Aber vielleicht können Sie etwas dazu sagen, wie Sie denn -denn Sie habe ja diese Sorgen, Zweifel, Depressionen, die hat jeder, glaube ich, in bestimmten Phasen...
B: Jeder erwachsene Mensch, jeder vernünftige erwachsene Mensch.
S: ...wie Sie damit umgehen. Also Sie haben gesagt, Sie tragen sie ein bisschen für sich alleine aus.
B: Ja.
S: Gehen Sie spazieren, schreiben Sie, ist auch die Schauspielerei ein Weg, mit bestimmten Dingen umzugehen, die einen beschäftigen?
B: Alles stimmt, was Sie sagen. Natürlich ist das auch nicht ein Rezept, nach dem man kochen kann, mal passiert eben dieses, und mal hat man den Wunsch nach etwas anderem. Aber ... ich schreibe, das stimmt, und wenn ich arbeite dann geht es mir besonders gut, weil ich das Gefühl habe, diese Arbeit, das ist ein Metier, das ich mittlerweile kann, da fühl ich mich wohl, da bin ich sicher. Das hat immer ein bisschen auch etwas mit Ferienausflug für mich zu tun, mit einem Team zu arbeiten, das ist schön, und ich habe letztlich eben doch Menschen, die mir zuhören, und die auch geduldig sind mit mir. Und ich glaube, das ist überhaupt das Wichtigste; das kann am Telefon sein mit einer Freundin -meine besten Freundinnen wohnen nicht in München- oder es ist eben wirklich mein Mann. Obwohl ich ihn nicht belasten möchte in manchen Dingen, bleibt er doch letztlich dann meine einzige Zuflucht.
S: Schön gesagt.
B: Ja, das klingt jetzt so dramatisch, aber ... ja.
S: Sie haben Ihren letzten Ausflug gemacht, und haben dabei auch Themen aufgearbeitet, die sicherlich für jeden wichtig sind, nämlich wie erfüllt man eine lange Beziehung immer wieder mit Leben ... „Trennungsfieber“ heißt der Film...
B: Ja.
S: ...läuft nächsten Montag im ZDF. Schau'n wir mal rein.

[Ausschnitt aus „Trennungsfieber“]

S: Ihr Mann in dem Film, der möchte ausbrechen, der möchte ausbrechen aus dieser Rolle. Er möchte sich ein Haus bauen und das in der Nähe eines Sees, einfach aus der Routine raus. Haben Sie nicht manchmal das Gefühl, so was wär' mal gut, ausbrechen aus der Rolle?
B: Ja, natürlich, ich hab ständig das Gefühl, und das tut einem auch sehr gut.
S: Und was hält Sie zurück?
B: Ach ja, natürlich doch eine gewisse Verantwortung, die einem auch zuwächst im Laufe eines Lebens mit Familie, und da beklag ich mich auch gar nicht, ich bin immer noch Mutter.
S: Und es ist als Mutter überhaupt nicht schwer, älter zu werden, aber was -glaub ich- ein Schlag sein kann ist, zu merken, man wird vielleicht altmodisch: „Trennungsfieber“.

[Ausschnitt aus „Trennungsfieber“]

B: (lacht)
S: Die Frage bleibt natürlich, ist aus dem, was früher war, aus Ihrem Engagement für Abrüstung, für Umweltschutz, Sie haben auch 1972 bekannt: „Ich habe abgetrieben“, mit mehr als 200 anderen Frauen im „Stern“, ist da nicht mehr geblieben als die Erinnerung, so wie sie hier (Anm.: im Film) blieb, so in Richtung Folkloregruppe?
B: Ich finde, dass da mehr geblieben ist, ja ... und das Engagement...
S: Was ist geblieben?
B: Erstens einmal ist da viel bewegt worden, wenn Sie jetzt zurückdenken bis in die 70-er Jahre, hat sich da sehr vieles niedergeschlagen, die Grünen sitzen im Parlament und die APO hat den Außenminister gestellt, also da muss man nicht unzufrieden sein. Sicher hätte ich mehr machen können, als ich gemacht habe, aber ich habe mich tatsächlich immer nur dann engagieren können, wenn ich keine anderen Aufgaben und Pflichten übernommen hatte. Ich hab auch sehr lange in Deutschland gar nicht gelebt, es hat eine ganze Weile gedauert bis ich mir zugetraut habe, Projekte in der Öffentlichkeit zu tragen, rein deutsche, da musst Du Dich auch gut hier in der Politik auskennen.
S: Sie haben gesagt: „Ich hätte mehr machen können“. Das ist eindeutig eine Vergangenheitsform...
B: Ja.
S: Sie sind ja immer noch prominent, Sie können immer noch was bewegen. Ich muss sagen -so von meinem Eindruck her- früher, das betrifft nicht nur Sie, sondern auch andere, hat man sich mehr zu Wort gemeldet. Heute stehen Sie doch vielleicht mehr in der Öffentlichkeit -wenn ich mich so umhöre- für Werbung, für dieses und jenes, Schmuck, aber Ihre öffentliche Stimmen, die zu erheben und zu sagen: „Hier, ich mach mich unbequem“, „Hier, ich sage mal, das und das gefällt mir nicht“, die hör ich seltener.
B: Also ich denke es ist so, dass ... Sie sagen „früher“, da waren Künstler auch gefragt sich einzumischen, und da hat man auch Antworten gegeben.
S: Wenn Sie sagen: „Wir werden gar nicht mehr gefragt“, woran liegt das denn? An welchem gesellschaftlichen Klima liegt es denn, dass da nicht mehr kommt?
B: Ich glaube, dass so ein Kapitaldenken uns alle ergriffen hat, ein Kapital-haben und Spaß-haben-Denken, eine Erschlaffung, eine ... ja, Erschlaffung ist ein gutes Wort dafür. Man hat gesehen, dass man nicht soviel bewegen kann, wie man bewegen wollte, man ist älter geworden, man hat Kinder bekommen, man hat Familien gegründet, man hat versucht, das gesellschaftliche Modell -in veränderter Form, aber doch- in die Schule einzubringen, in seine Familie einzubringen, in die Kindererziehung einzubringen. Und ein bisschen -wissen Sie- muss man ja auch von oben ermutigt werden, zu neuen Formen zu gehen, zu anderen Ufern. Und wenn das so gar nicht ermutigt wird von oben, sondern sich immer nur abspielt über die Wirtschaft und über das Kapital, und über die Vernunft, dann tritt eine allgemeine Erschlaffung ein.
S: Wir wollen auf jeden Fall der Erschlaffung entgegenwirken...
B: (lacht)
S: ...wir haben soviel geredet über Ihr öffentliches Bild, über Ihre Vorbildrolle, über Ihr Aussehen, über Ihr gesellschaftliches Engagement...
B: ...jetzt fragen Sie mich, ob ich kochen kann!
S: Nein, auch nicht.
B: Geht!
S: Also, wir haben jetzt schon einige Facetten Ihrer Persönlichkeit dagehabt, aber immer mit dem Blich von außen auf Sie. Ich hab gehört, Ihre heimliche Leidenschaft ist das Beobachten, ist das richtig? Der Blick zurück...
B: Na, nicht der Blich zurück, der Blick auf andere, in denen ich mich dann selber erkenne, auch wenn ich das gar nicht möchte.
S: Wir sind ja hier mitten am Flughafen, wir sind ja nicht in einem Studio, also können wir rausgehen, und gucken uns mal die Leute an.
B: Aber ich nehm' meinen Mantel mit.
S: Sehr gerne.

[S und B fahren ins Flughafengebäude, beobachten dort Leute]

(Blick auf älteres Ehepaar)
S: So, da gucken zwei auf die Tafel. Die fliegen wahrscheinlich gleich weg, und wollen schauen, welches Gate. Die sind schon lange zusammen, die sind sehr lange verheiratet.
B: Die sind schon sehr lange zusammen, da ist aber noch eine Verwandte dabei, das könnte die Tochter sein, ja könnte sein ... noch mal gecheckt, ob's auch wirklich A oder B ist.
S: Sie sind aber noch nicht so ganz sicher auf Flughäfen.
B: Aber haben viel Zeit. Das hab ich nie, haben Sie Zeit? Ich muss immer rennen, laufen, springen, hüpfen, bin immer zu spät oder komme zu spät irgendwo an.
S: Aber dann kommen Sie ja gar nicht dazu, mal so wie hier jetzt ganz entspannt zu sitzen und zu beobachten.
B: Doch, wenn ich ´nen Zwischenstopp habe schon; oder wenn ich wo gestrandet bin.
S: Da drüben liest einer Zeitung, der beobachtet uns jetzt grade.
B: Er ist ein englischer Geschäftsmann, würd' ich ganz stark annehmen.
S: Genau, englische Zeitung.
B: Er liest was englisches auf jeden Fall. Er ist hier zum Zwischenstopp und möchte nichts lieber als zuhause bei Mutti sein. Dann gibt es dahinter ein Paar, das zupft aneinander vor Liebe.
S: Das hab ich nicht gesehen.
B: Ja ... Aber das hat auch mit dem Beruf zu tun. Also, wenn Si sagen: „Sie beuten ja die Leute aus“, das stimmt nicht. Das ist mir sehr wichtig, dass man das eben nicht tut. Dass man der Anwalt dieser Leute ist, wenn man sie dann spielt, das ist wichtig.
S: Bei manchen würde es mich ja interessieren, ob unsere Geschichten jetzt stimmen.
B: Das interessiert mich überhaupt nicht.
S: Überhaupt nicht? Ehrlich nicht?
B: Nein. Also ich bin eigentlich nicht neugierig, in dem Sinne. Ich denk mir gerne was aus, das ist was ganz anderes. Also das sind so Situationen, wo man sich inspiriert fühlt.

[wieder im Haus]

S: Wir haben jetzt soviel über Ihr Leben erfahren, über Ihre Schauspielerei, über Ihr politisches Engagement, über vieles mehr, aber manchmal versteht man das Heute ja nur, wenn man zurückschaut und sich erinnert.
B: Ja.
S: Eine Erinnerung haben wir vorbereitet. Ich hoffe, wir liegen damit richtig: ein Klavier.     
B: Ein Klavier, ein Klavier!
S: Genau. Aber es bedeutet mehr als Loriot, denn nach unseren Recherchen haben Sie früher in Wien in einem Zimmer gelebt, und dort hat Ihr Vater Klavier gespielt. Es gab diesen einen Stuhl, auf dem haben Sie getanzt, und um den herum haben Sie getanzt, und sind dort ausgebrochen aus diesem Zimmer, gedanklich, und in andere Welten eingetaucht.
B: Das war eine ganz, ganz kleine Welt, in der ich mich sehr wohl gefühlt habe. Und das Klavier war wirklich ganz wichtig. Denn mein Vater kam abends von der Arbeit nach Hause und hat sich noch hingesetzt und hat gespielt. Ich lag dann schon im Bett; das Bett stand so halb unter dem Klavier, so an dieser Ecke mehr. Und am Sonntag, wenn mein Vater zuhause war, dann haben wir das Zimmer leergeräumt; das heißt also, man musste die Klappbetten zurückschlagen, der Teppich wurde eingerollt, der Tisch wurde zum Fenster getragen, und dann blieb wie gesagt ein Stuhl, der war meine Ballettstange, in der Mitte des Zimmers stehen. Und später dann, als mir die Jenny eben über den Ballettstuhl 3, 4 Tänze beigebracht hatte, war ich mit meinem Vater unterwegs, zu bunten Abenden. Er hat gespielt und ich habe getanzt, meine Mutter hat auf uns gewartet. Und spät in der Nacht sind wir nach Hause gefahren, mit der letzten Straßenbahn. Da war mir meistens kalt, weil ich schon so müde war, und dann hat mein Vater seinen schönen weißen Seidenschal mir umgelegt; und das weiß ich noch, das hab ich in Erinnerung als eine Geste großer Zärtlichkeit.
S: Mhm ... Grad als wir am Flughafen waren, haben Sie gesagt: „Wenn ich schauspielere, dann gibt es eine Regieanweisung, die mir gut gefällt, nämlich: „Denk dran, wie es ist, ein Kind zu sein...
B: Ja.
S: ...denn ein Kind gibt seine Seele preis“.
B: Ja.  
S: Ist es vielleicht so, dass man Sie durch die Kunst, dass man da tiefer in Ihre Seele schauen kann als in einem Gespräch? Dass man Sie dort erkennen kann, dass Sie sich offenbaren?
B: Ja, so soll es sein.
S: Und ist es so bei Ihnen?
B: Ich hoffe es. Also, am schönsten ist es, sich durch das, was Du kannst, darzustellen.
S: Denken Sie manchmal: „Mein Leben hätte anders laufen können?“
B: Oh, mein Leben hätte durchaus anders laufen können. Ich war einige Male in meinem jungen Leben sehr gefährdet. Aus Übermut, aus Neugierde, aus Unwissenheit.
S: Das müssen Sie mir jetzt erzählen, welche Gefährdungen gab es?
B: Ja, die Gefährdung, die Sie wahrscheinlich auch als pubertierender Teenager durchgemacht haben. Wo man selber noch gar nichts weiß, in eine erwachsene Welt eindringt, die man noch nicht versteht; man tut aber so, als würde man sie verstehen. Und ich hatte immer ein ganz gutes Urteilsvermögen, eine Unterscheidungsfähigkeit, auf die ich mich auch heute noch verlassen kann. Und ich hab mich dann selber immer wieder aus diesen Situationen herausgezogen, und sie kritisch betrachtet. Vielleicht hab ich auch daher meine Distanz, die ich natürlich habe, das ist wahr. Ich bin vorsichtig geworden; aber sollte man das nicht werden im Laufe eines Lebens?
S: Aus Verletzungen, aus Enttäuschungen?
B: Ja, auch aus Verletzungen, ja.
S: Die Elke Heidenreich hat etwas gesagt, was sehr persönlich war, was mich überrascht hat, ehrlich gesagt, dass sie's gesagt hat. Sie hat gesagt: „Die Senta Berger, die hat ihre tollen Rollen, und sie sieht immer so toll aus, und dass kommt sie nach Hause, und dann ist da eine andere Senta. Da ist es auch die Senta, die mit ihren Minderwertigkeitskomplexen zurechtkommen muss, und die auch mit dem Unterschied „Öffentlichkeit und Zuhause“ zurechtkommen muss“.
B: Ach, damit komm ich leicht zurecht.
S: Kommen Sie leicht zurecht?
B: Ja, natürlich. Wenn ich zuhause bin, bin ich zuhause, wenn ich bei der arbeit bin, bin ich bei der Arbeit.
S: Und es sind nicht zwei Welten, die sich da manchmal gegenüberstehen?
B: Das sind zwei Welten, aber das ist doch schön, hör mal. Man hat ja nur ein kurzes Leben. Das möcht ich so prall wie möglich leben, und dazu gehören eben diese verschiedenen Welten. Und ich hätte gern noch eine dritte dazu, und eine vierte. Und wer weiß, vielleicht gibt's ja eine.
S: Und welche wollen Sie sich noch holen? Wo liegt die dritte, wo liegt die vierte?
B: Das ist eine gute Frage, ja. Ich bin nicht philosophisch angehaucht, nicht besonders. Das heißt, ich lese es schon gerne, aber ich selber philosophiere über mein Leben sehr ungern. Ich möchte mich auch überraschen lassen. Ich möchte nicht alles so festgelegt schon wissen. Man kann Pläne machen, ja, und es ist vielleicht auch ganz gut so, als eine Art von Leiter, eine Struktur, an der man sich weiterhangelt. Aber das Unwägbare hat auch seinen großen Reiz. Also wenn ich mir zuviel vornehme und zuviel einteile und zuviel Pläne mache, die dann eben doch ganz anders kommen, ja? Ich bin nicht dieser Mensch; ich werde sehen, wo's mich hintreibt. Es wird mich noch wohin treiben, sicherlich.
S: Vielleicht auch ganz woanders hin?
B: Was meinen Sie damit? Thailand? (lacht)
S: Können Sie sich von Sicherheit lösen? Können Sie sagen: „Ich mach keine Schauspielerei mehr. Ich zieh - wie in dem Film Ihr Mann ja wollte, in „Trennungsfieber“ - mal ganz woanders hin, und steig aus aus diesem Leben, und...
B: Der Beruf ist mir sehr wichtig, muss ich schon sagen, ja. Also, er ist mir nicht langweilig, ich möchte ihn nicht loswerden. Aber vielleicht eröffnet sich für mich noch einmal ein ganz neues Kapitel. Ich hab das sehr, sehr oft geträumt, dass ich fliegen kann. Und ich weiß eben nicht, wohin ich noch fliegen werde. Fragen Sie mich nicht. Ich will keine Antwort darauf wissen. Ich will es erleben.
S: Ich würde sagen, ich frag Sie auch nicht danach, wohin Sie fliegen. Wir wissen ja, dass wir Sie durch ihre Arbeit auch mit erkennen, und deshalb werden wir Sie fliegen sehen, und Sie dabei beobachten, und  zuschauen, wenn Sie fliegen.
B: Gut.
S: Und einen Moment aber wollen wir heute noch festhalten, bevor Sie wieder wegfliegen nach München; und zwar haben wir...
B: Noch ein Spiel, noch ´ne einsame Insel?
S: Nein, kein Spiel, keine einsame Insel; nein, aber wir haben gedacht, einen Augenblick möchten wir festhalten; wir fragen Sie so oft, und wollen wissen, wie Sie sich sehen. Jetzt können Sie selbst mal sagen, wie Sie sich sehen. Und zwar haben wir unten eine kleine Fotoecke aufgebaut, wir haben einen Stuhl dort, wir haben Stoffballen dort, und dann sind wir gespannt, welchen Ausdruck Sie für sich wählen.
B: Also gut; was machen Sie bei dem Spiel?
S: Ich guck zu, und ich mach das Foto.
B: Ein Foto, gut, also ein Foto, ein Foto!
S: Und lassen Sie sich ruhig Zeit.
B: (lacht) [auf dem Stuhl stehend und mit Stoffballen hantierend]
Also ich glaube, einmal kann ich mir das jetzt leisten...
S: Das ist gut!
B: Und frei...
S: Das wirkt direkt heroisch!
B: ...erklär ich alle meine Knechte; die Freiheitsstatue, mir fehlt nur noch der Kranz, ja!
S: Ja, so ist es schön!
B: ´Ne kesse.
S: Ist doch wunderbar!
B: Mhm.
S: Sehr schön, schön dass Sie da waren, vielen Dank!
B: Danke, ich fand's auch schön, wirklich ... aber jetzt geh ich.